Der Siegertext von Emmanuel van Stein

Kann man in einer Woche das Friseurhandwerk lernen?
Unser Autor hat ein Kurzpraktikum gemacht und seine handwerklichen Fähigkeiten getestet.

Erster Tag: Ein-Kehr - Das wird heute kein gewöhnlicher Gang zum Friseur: Denn meine Resthaare (sie arbeiten an der längsten Stirn, seit es Haarausfall gibt) bleiben garantiert unberührt. Vielmehr will ich mich innerhalb weniger Tage zum Friseur umschulen lassen. Dazu erwartet mich Udo Luy (40), der 2006 den "Oscar der Friseurbranche" gewann, in seinem Kölner Salon "Haare machen Leute", einem von rund 68 000 Friseur-Geschäften in Deutschland. Angespannte Nervosität: Welche Figur werde ich als Kurzzeit-Praktikant auf dem für mich ungewohnten Figaro-Parkett machen? Im Familien- und Freundeskreis für meine zwei linken Hände berüchtigt, will ich herausfinden, wie es sich anfühlt, als Schreibtischhüter plötzlich in ein Handwerk zu wechseln; zumal in einem Alter, in dem ich arbeitssuchend vermutlich unvermittelbar wäre.

Ein Experiment also, das Udo Luy, der bereits die Häupter von Mariah Carey, Whitney Houston und Justus Frantz betreute, optimistisch angeht. Jedenfalls hat er versprochen: "Alles, was wir machen, ist absolut ausbildungsrealistisch, nur durchlaufen Sie das im Zeitraffer." Wie werden sich meine Hände anstellen, die seit Jahr und Tag fast ausschließlich über Computertastaturen kreisen? Und wie reagieren Luys Mitarbeiter auf diese kuriose Versuchsanordnung?

Praktikantin Mona jedenfalls findet es spannend und weist mich routiniert in meinen Aufgabenbereich ein. Die 17-jährige Schülerin heuerte vor einem Monat bei Udo Luy an. Nun zeigt sie mir die wichtigsten Handhabungen, die man als Neuling verinnerlichen muss: benutzte Tücher in die Waschmaschine stecken, danach in den Trockner, später zusammenfalten und verteilen. Was sind das für kleine graue Kompressen? Aha! Die werden angefeuchtet in der Mikrowelle erhitzt, um den männlichen Kunden nach einem Schnitt die Härchen vom Gesicht zu tupfen. Die Tücher ersetzen jene derben Wuschelpinsel, mit denen einem früher energisch durchs Antlitz gewischt wurde.
Und natürlich muss der Praktikant Haare fegen. In dem modernen, lichtdurchfluteten Salon, der sich über mehrere Ebenen erstreckt, lauern kleine bodennahe Klappen an den Wänden, hinter denen das Kehrgut verschwindet. Zu meiner Überraschung zeigt mir Mona auch, wie man den Kaffeeautomaten bedient und die Geschirrspülmaschine bestückt. Der

Kunde ist bei Udo Luy nämlich König, dem auf schmucken Schieferplatten Getränke serviert werden.
Dann wird die Sache richtig haarig: Azubi Anna (21) soll eine Kundin mit blonden Strähnchen versehen. Angeleitet wird sie von Coloristin Stella. Der Praktikant darf zuschauen. Auch beim Mischen der Farben in einem Kellerraum, der wie die Werkstatt eines Malers aussieht: mit Ziffern gekennzeichnete Tuben in allen nur erdenklichen Farbtönen, darunter Pflanzenfarben für Kunden, die zum Beispiel gegen Ammoniak allergisch sind. Anna färbt heute zum dritten Mal und stellt sich sehr versiert an. Sie hat eine Stunde Zeit. Das wird knapp.

Plötzlich meldet sich mein Rücken, der heftig gegen das stundenlange Stehen protestiert. Stella verschafft mir Bewegung und platziert einen Übungskopf vor meiner Nase: indisches Echthaar. Ich soll die Haaransätze "färben", muss dazu zwei Scheitel kreuzweise ziehen, um die Haarpracht zu vierteln. Mit dem Pinsel-Stiel hebe ich Strähne für Strähne an und löse sie vom Rest der Frisur. Was bei Stella so spielerisch aussieht, gerät mir ziemlich zerzaust. Und wo sitzt jetzt das Ohr, um von dort aus mit dem Kamm den Scheitel zu zuppeln? Wie gut, dass der auf einem kippeligen Stecken ruhende Kopf ebenso hilflos wie sprachlos ist.

Zweiter Tag: Chef-Visite - Heute widmet sich der Meister persönlich dem neuen Praktikanten. In einer "Power Point"-Präsentation stellt er sein Unternehmen vor. Luy: "Eine Grundvoraussetzung für jeden, der bei mir anfängt." So erfahre ich die Geschichte des Hauses und die Philosophie des Hausherrn, der der deutschen Servicewüste den bedingungslosen Kampf angesagt hat. Rasch wird mir klar, dass ich mich hier in einem ganz besonderen Betrieb befinde; in einem, der auch Events organisiert (etwa ein Passfoto-Shooting).

Luy erklärt mir, was in seinem Gewerbe Qualität bedeutet ("es ist das, was der Kunde will") und wie ich mich den Kunden gegenüber verhalten muss: Strikt verboten ist, von mir aus ein Gespräch über Politik zu beginnen. Luy: "Sie sollten alles vermeiden, was die gute Atmosphäre herunterreißt." Auch eine hölzern-steife Begrüßung. Das üben wir jetzt mal! Luy baut zwei Stühle zwischen uns auf, über die hinweg wir uns die Hand reichen. Gaaanz schlecht! Ich muss näher und barrierenfrei an den Kunden herantreten - aber nicht zu nah - und ihm die Hand auf die Weise geben, dass unsere beiden Arme eine geschwungene S-Form bilden. Achtung! Luy mahnt mich, seine Hand nicht zu verdrehen, denn das demonstriert Dominanz. Und wehe, ich helfe einem Herrn über 60 in den Mantel! Das würde mir der Senior übelnehmen.

Übrigens: Hätte ich mich tatsächlich bei Udo Luy beworben, würden seine Mitarbeiter basisdemokratisch über meine Eignung entscheiden; nachdem man mich zuvor bei einem Probeschneiden mit bestellten Modellen mächtig unter Stress gesetzt hätte.
Den perfekten Handschlag verinnerlicht, wasche ich dem Dummy vom Vortag die Haare aus, übe erneut den Kreuzscheitel und gerate beim Aufnehmen der Strähnen für eine weitere Tönung ins Schleudern. Die Anweisung lautet: Grundsätzlich über dem Kamm mit zwei Fingern zugreifen! Aber warum erwische ich stets auch einen Büschel darunter? Beim letzten Viertel geht es etwas besser.

Zuletzt hält mir eine hilfreiche Kollegin den Gummikopf ins Becken. Umständlich spüle ich die Pflegepackung aus den Haaren; dann soll ich der stillen Dame einen Turban binden. Sieht supereinfach aus. Aber ich stelle mich superblöd an. Wie war das noch mal mit dem Falten des Handtuchs? Und welchen Zipfel stecke ich wo hinein? Zwei, drei Versuche: na ja. Zur Entspannung kehre ich einen Haufen Haare zusammen und bekomme dann mal richtig den Kopf gewaschen: Praktikantin Mona wird an meinem noch "qualmenden" Haupt Waschen und Massieren üben, derweil ich ein Gefühl dafür entwickeln soll, wie fest man zupacken kann, welche Wassertemperatur angenehm erscheint.

Dritter Tag: Kopf-Arbeit - Heute wird es ernst. Friseurmeisterin Jessica mimt eine Kundin und vertraut sich mutig meinen unsicheren Fingern an. Ich begleite sie vorschriftsmäßig zum Waschbecken und vergesse, ihr einen Hocker vor den Stuhl zu schieben. Die Wassertemperatur überprüfe ich an meinem Handgelenk, schirme mit der anderen Hand den Haaransatz ab und spüle Jessicas blonde Mähne. Dann muss ich das Shampoo einmassieren - kreisend mit den Fingerkuppen, an den Schläfen bloß nicht zu fest drücken. Zaghaft tupfe ich auf Jessicas Schädel herum. "Ich spüre nichts", bemängelt mein Modell. Fester! Noch fester! Die Haut unter meinen Fingernägeln muss rot anlaufen. Nicht Jessicas Kopf! Final ergießt sich der Wasserstrahl über die Haarpracht. Sauber ist etwas anderes. Dann binde ich den obligatorischen Turban - nicht formvollendet, aber passabel.

Szenenwechsel: Udo Luy tritt mit mir vor einen Spiegel, um die perfekte Handhabung einer Schere zu trainieren. Dieses vielleicht wichtigste Besteck des Friseurs kostet die Kleinigkeit von 250 bis 800 Euro. Ich schiebe meinen Ringfinger in eine Öse des ungewöhnlich geformten Geräts, den Daumen in die andere und versuche, mit dem Druck des kleinen Fingers die Schere unmittelbar vor einem Kamm (in Kopfhöhe) zu fixieren. Bei der Schneidebewegung darf sich nur der obere Teil bewegen. Eine feinmotorische Herausforderung! Alles wackelt wie ein Kuh-Schwanz! Wie gut, dass dies nur eine Trockenübung ist. Nach wenigen Minuten streben die Arme unwiderstehlich nach unten. Wie macht der Friseur das bloß? "Mit viel Übung", ermutigt mich Udo Luy. Schnitt: Zur Abwechslung lerne ich jetzt auch noch Kellnern und serviere einer Kundin einen "Latte Macciato". Leider kümmert sich der Automat nicht die Bohne um meine Bemühungen. Also muss ich erst noch Kaffee aus dem Keller holen.

Nachdem Jessica von mir verstrubbelt wurde, übernimmt Friseurmeisterin Bettina ihre Rolle. Ich pumpe ihren Stuhl auf Griffhöhe. Stopp! Bettinas Haar möchte schön geföhnt werden. Prima, das kann jeder! Denke ich. In der rechten Hand eine Rundbürste, in der linken den Föhn, sollen Strähne für Strähne auf je eine Bürste gedreht und dann trocken geblasen werden. Sapperlot! Mir fehlt die dritte Hand! Oder liegt es daran, dass Männer angeblich keine zwei Dinge gleichzeitig erledigen können, geschweige denn drei?
Während ich mit zwei Fingern meiner Föhn-Hand eine Strähne zu fassen versuche, puste ich mit dem Gebläse erst die Frisur durcheinander und mir dann selbst ins Gesicht. Eigentlich müsste ich jetzt noch etwas fallen lassen. Die slapstickreife Nummer geht mir auch beim dritten und vierten Anlauf daneben. Daniela bleibt bewundernswert cool, auch als sich nach meinem formvollendeten Gewurschtel herausstellt, dass eine Frisurhälfte voluminöser erscheint als die andere. Ich kann mich für diesen neuen Trend nur entschuldigen. Und werde wieder etwas aufgebaut, als mir das Wickeln von Locken am Dummy überraschend locker von der Hand geht. Für diese Aktion wollten sich weder Jessica noch Daniela opfern.

Vierter Tag: Scheren-Schnitte - Hatte ich geglaubt, das Föhnen würde mich vor schier unlösbare Probleme stellen, so wird sich mein erster Schnitt als fürwahr einschneidende Erfahrung erweisen. Zum "Opfer" wird erneut die rumpflose Dummy-Dame, der ich zunächst einmal die Lockenwickler vom Vortag aus dem Zopf zupfe. Keine leichte Arbeit, weil die Wickler überall hängen bleiben. An dem ausgebürsteten Haar darf ich zunächst eine Hochsteckfrisur ausprobieren. Wie das geht? Kreativ natürlich! Mit viel Fantasie. Ganz wie es mir gefällt, also rein theoretisch. Hier eine Haarspange, dort eine andere und eine dritte, die vierte rutscht mir aus den Fingern. Jetzt nimmt die Frisur die Form eines hässlichen Atompilzes an und stürzt wenig später wie ein misslungenes Soufflé in sich zusammen.

Lassen wir das. Ich scheitele Dummys Haare zum x-ten Mal kreuzweise. Und einmal mehr gerät mir einiges durcheinander. Friseurin Simone erklärt mir mit bewundernswerter Geduld, wie ich zunächst den unteren Haaransatz (am Hals) korrekt abteile, um sodann die Spitzen einen halben Zentimeter lang zu kürzen. Die Konfusion nimmt ihren Anfang: In die rechte Hand kommen der Kamm und die Schere (sie baumelt ziellos am Ringfinger).
Mittig kämme ich eine Strähne gerade herunter, greife sie mit der linken Hand, kämme nochmals, will sie mit linkem Zeige- und Mittelfinger arretieren, schiebe den Kamm zappelnd von der rechten in die linke Hand (zwischen Daumen und Zeigefinger) und versuche, mit dem rechten Daumen in die Öse der Schere zu gleiten. Zu weit, zu tief, Schere hängt schief, Hand sieht verbogen aus, irgendwie artistisch und abstrus. Wo ist die dritte Hand? Zittrig nähere ich mich mit der Schere der Strähne. Ohgottohgott! Simone hat eine Vision und sieht bereits Blut fließen.

Das wiederholen wir jetzt noch mal. Nach einem Dutzend weiterer Versuche und dem schier aussichtslosen Kampf mit meiner offenbar reduzierten Körperbeherrschung rieseln ein paar Haarspitzen. Ach, ein wichtiger Hinweis: Ich halte die Schere falsch herum! Die Schraube muss zu mir hin zeigen. Holla, das ist es. Oder eher doch nicht. Auch richtig herum verschwinden meine Finger in einem selbst verursachten Labyrinth. Tapfer "schneide" ich weiter. Zum Schluss schaut Jessica mal nach dem Rechten: Es ist kein Blut geflossen, auf dem Boden liegen Haare (der Arbeitsbeweis), die Dummy-Frau guckt so meditativ wie immer, und ihre Frisur - kann man so durchgehen lassen. Unglaublich, diese Fingerfertigkeit - die ich wohl nie aufbringen werde. Aber gut, dass ich es versucht habe.

Letzter Tag: Farben-Lehre - In kleinem Kollegen-kreis will sich Udo Luy einen Überblick über eine innovative Färbetechnik verschaffen. Coloristin Stella, die bereits ein Seminar besucht hat, wirft mit Zahlen und Begriffen um sich. Ich verstehe nicht viel. Luy klärt den Praktikanten auf: Konnte man dem Kunden bisher etwa 134 Farbtöne anbieten, so ist der Friseur jetzt in der Lage, aus sechs Grundfarben mehr als 1000 verschieden Töne zu mischen. Die Industrie stellt dazu ein Granulat zur Verfügung, das zuvor lediglich beim Produktionsprozess des Herstellers Verwendung fand. Die exakte Mischung verlangt dem Friseur eine "extrem hohe Kompetenz" ab, sagt Luy, der einen radikalen Wandel in seinem Gewerbe sieht: "Vor zehn Jahren war ein Friseur ein Gemischtwarenladen. Jetzt tritt eine Spezialisierung ein, hauptsächlich Schneiden und Färben." An Modell Sina wird die neue Technik ausprobiert. Oben erhält sie einen warmen Braunton und im Nacken einen kühleren. Luy: "Diese Farbe wird in Köln nur einmal herumlaufen."

Das Zeugnis - Weil ich um eine Bewertung meiner Bemühungen gebeten hatte, lese ich es jetzt schwarz auf weiß: "Herr van Stein zeigte sich sehr interessiert und motiviert und setzte die ihm übertragenen Arbeiten zu unserer Zufriedenheit um." Das ist gleichzusetzen mit der Note befriedigend, wie Luy erläutert. "Seine aufgeschlossene und freundliche Art", heißt es weiter, "machte ihn zu einem sehr angenehmen und beliebten Gesprächspartner für unsere Kunden und Kollegen." Gesprächspartner? "Neben einem guten Haarschnitt", sagt Luy, "hat auch die Kommunikation eine hohe Bedeutung." Der Friseur als "Psychologe" und Zuhörer.

Fazit - Größten Respekt zolle ich diesem anstrengenden und zugleich vielfältigen Beruf, der meinen handwerklichen Fähigkeiten die Grenzen aufzeigte. Meine Bewunderung gilt Stella, Jessica, Daniela und all ihren geduldigen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Profession stets freundlich und mit großem Können ausüben. Rückenschmerzen und nächtliche Wadenkrämpfe haben sich nach ein paar Tagen wieder verabschiedet. Und wenn ich wollte, könnte ich mich bei Udo Luy weiterqualifizieren. Ehrlich! Nur, dass es bei mir wesentlich länger dauern würde als bei einem Sechzehn- oder Siebzehnjährigen. Bei der nächsten Schreibblockade komme ich auf Luys Angebot zurück. Versprochen.

Kölner Stadt-Anzeige - 29. April 2008